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Grob gesagt kann man Andre Gorz aus
zwei Perspektiven betrachten: der Philosoph/Journalist und der Privatmensch.
Man könnte sagen, dass sich der Privatmensch immer dem Philosophen
untergeordnet hat, was sich darin äußert, dass er immer theoretisch
über Sachen schrieb, diese aber dann nicht lebte. Er verstand sich
als Betrachter und Erörterer seiner Philosophie des Menschen. Der
Privatmensch andre Gorz offenbart sich tatsächlich erst in "Brief
an D.", obwohl ja schon "Der Verräter" als autobiografisch
gelten soll. Natürlich spiegelt sich auch im Privatmensch seine
philosophische Auffassung wieder, gerade indem er die Liebe als das
Nonplusultra ansieht und daran seine Existenz (ja: Existenz) erörtert.
Vorher hatte er immer den Privatmensch und den Philosoph getrennt, was
sich besonders darin zeigte, dass er nie über das redete, was er
schrieb. Doch auch der Philosoph Gorz sprach schon davon, dass die Welt
an einem Mangel an Menschlichkeit und einem Überschuss an Theorie
leide. Was ist nun der Philosoph Andre Gorz und wie ist er in der Philosophie zu verorten. Auch hier ist eine Zweiteilung zu erkennen, die er zeitlebens zu vereinen suchte. Auf der einen Seite war er Existentialist und Sartre war sein Mentor. Allerdings löste er sich später von ihm. Auf der anderen Seite war er Marxist und Vertreter der Linken. Aber auch diese haben ihn später angefeindet und teilweise verstoßen. Wie kam das? Als Existentialist war er Sartre zu theoretisch und nicht aktionistisch genug. Gorz war für ihn pure Essenz (Was als derbes Schimpfwort gelten muss), weil er wohl die Existenz suchte und erklärte, aber nicht lebte. (Existenz tatsächlich im existentialistischen Sinn als Entfaltung der Individualität des Menschen) Aber wie Sartre versuchte er den Menschen durch den Mensch selbst und durch die Gemeinschaft zu erklären, was ihn zum Humanismus/Marxismus brachte. Er verband seine Selbst- mit der Weltanalyse. Dabei stellte er die marxistische Frage, wie es erreicht werden könne, dass die Gesellschaft die Wirtschaft beherrscht. Dabei entwickelte er Theorien, die ihrer Zeit teilweise weit voraus waren. So war er zum Beispiel gegen den privaten Automobilverkehr, da dieser die Umwelt schädige (politische Ökologie schon weit vor Bekantwerden der Klimaveränderungen) und nur dazu da sei, den schrankenlosen Konsum anzukurbeln. Das mag heutzutage banal klingen, war aber in den 70er Jahren eine interessante Perspektive. Ferner setzte sich Gorz immer für das "Weniger arbeiten" ein, machte die klassisch marxistische Entfremdung des Menschen (hervorgerufen durch Reduktion konkreter Arbeit auf abstrakte) zu seinem Thema und plädierte (ebenfalls klassisch marxistisch) für ein wirtschaftliches Nullwachstum. Er war gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, doch für eine Arbeitsumverteilung, um dem Individuum eine (marxistisch inspirierte) Freiheit zu geben. Es ging ihm darum, dem individuellen Menschen mehr Freiraum zur Entfaltung zu geben und er stellte (ganz als der Existentialist der er war) die Subjektivität in den Mittelpunkt. Dies wäre in einem kapitalistischen System kaum der Fall. Allerdings sagte er im Gegensatz zu den meisten Marxisten nicht voraus, dass sich der Kapitalismus selbst zerstöre und wertete die periodisch auftretenden Wirtschaftskrisen nicht als Anzeichen für einen baldigen Zerfall, was ihm viele Gegner in den eigenen Reihen bescherte. Ferner verabschiedete er sich in einem Essay ausdrücklich vom Proletariat, welches er als irreal und nicht existent ansieht, es sei nur das Gegenteil seiner eigenen Möglichkeiten. Die Arbeit des Proletariats ist nur ein Mittel des Kapitals. Daher kann eine Umwendung des Systems niemals vom Proletariat/Arbeiter ausgehen. In jenem Essay beweist er weiterhin einerseits, dass der Kapitalismus unabschaffbar ist und andererseits, dass seine Abschaffung/Überwindung schon begonnen hat. Im Prinzip ist Gorz ein Verteidiger des Staates, welcher seiner Meinung nach aus der Schusslinie genommen werden soll. Der Staat ist kein Gegner, sondern Verbündeter im Kampf gegen internationale Großkonzerne. Dadurch ist ein Ende des Klassenkampfes vorprogrammiert (das Proletariat ist schon längst nicht mehr existent). An Stelle des Proletariats treten verschiedene soziale Bewegungen. In seinen letzten Jahren plädierte er für eine Wissensgesellschaft, in welcher das Wissen (bzw. die Kenntnis) als höchstes Gut frei zugänglich sein sollte und/oder ausgetauscht wird, was viele materiell/finanzielle Vorgänge überflüssig machen würde. Gorz war kein medienpopulärer Philosoph wie zum Beispiel Sartre. Er wirkte im Hintergrund, hatte aber dennoch nachhaltigeren Einfluss auf die Philosophie als so manch anderer, gerade weil er keine Illusionen hatte. Man bezeichnete ihn als Optimisten des Willens und Pessimisten der Vernunft. Er suchte stets nach einer besseren Gesellschaftsordnung, doch dabei war immer auch die Suche nach dem Sinn mit eingeschlossen. Damit gilt er einerseits als Vordenker der postindustriellen Gesellschaft, andererseits als nahezu klassischer Vertreter des französischen Existentialismus. |
"Mit der Abschaffung der Arbeit treibt das Kapital die Abschaffung des Menschen selbst voran."
Eine ganz kurze Geschichte der Philosophie des
"Die Klasse, die kollektiv die Gesamtheit der Produktivkräfte entwickelt und anwendet, ist außerstande, sich diese Gesamtheit anzueignen, sie ihren eigenen Zielen unterzuordnen und sie als Gesamtheit ihrer eigenen Mittel zu begreifen. ... Der Grund dafür ist, daß der Gesamtarbeiter, von der kapitalistischen Arbeitsteilung strukturiert und den inneren Erfordernissen der von ihm bedienten Maschinerie angepaßt, selbst nach Art eines Mechanismus funktioniert."
"Man muss akzeptieren, endlich zu sein: hier und nirgendwo anders zu sein, dies zu tun und nicht etwas anderes, jetzt und nicht niemals oder immer; nur hier, nur dies, nur jetzt - allein dieses Leben zu haben." |